Der Krieg in der Ukraine beschäftigt derzeit die Welt und auch die Finanzmärkte. Langfristig wird der Ukraine-Konflikt tektonische Auswirkungen auf die Märkte haben, sagen Volker Schilling und Leonhard Fischer, die gemeinsam den Der Zukunftsfonds verwalten. Im Dialog mit der Greiff PartnerLOUNGE erklärt das Duo, warum der russische Ausschluss aus dem SWIFT-System ein strategischer Fehler war, welche Folgen die Deglobalisierung auf die Aktienmärkte hat und wieso Der Zukunftsfonds sich mit seinen Risikoansatz komplett vom Rest der Industrie unterscheidet.

Herr Schilling, Herr Fischer, wir befinden uns in ungewöhnlichen und dramatischen Zeiten. Wie blicken Sie auf die aktuelle Situation in der Ukraine?

Leonhard Fischer: In jedem Fall ist Russland der große Verlierer. Das betrifft dabei nicht nur die politischen und wirtschaftlichen Folgen, sondern auch die militärische
Seite. Denn Russland steht nach außen immer für zwei Sachen: Seine Rohstoffe und sein Militär. Es wurde immer ein großer Anteil des Bruttoinlandsprodukts in die
Rüstung und das Militär investiert – und jetzt zeigt sich, dass diese Armee deutlich hinter den eigenen Erwartungen zurückbleibt. Insofern könnten wir jetzt einen
Wendepunkt bei der militärischen Wahrnehmung und Entwicklung sehen. Russland steht nun vor der künftigen Entscheidung: Die Armee abrüsten oder umrüsten.

Gibt es in diesem schrecklichen Konflikt überhaupt einen Gewinner?

Fischer: Ja, und zwar die USA. Denn die US-amerikanische Position hat sich trotz der großen Diskussion um den Abzug der US-Truppen aus Afghanistan in jeder
Hinsicht gestärkt. Wieder einmal zeigt sich, dass der technologische Vorsprung der Vereinigten Staaten extrem groß ist.

Und Europa auf der anderen Seite…

Fischer: … hat durch den Einsatz von SWIFT als politische und wirtschaftliche Waffe einen strategisch schweren Fehler gemacht – für den wir noch zahlen
werden. Denn das SWIFT-System ist als internationale Gemeinschaft zu sehen. Wenn die Europäische Union jetzt ein Land von heute auf morgen ausschließt, ist
das ein Signal an alle anderen Mitglieder des SWIFT-Systems: Uns kann es auch treffen. Außerdem wurden bisher nur sechs russische Banken aus dem SWIFTSystem ausgeschlossen. Das war eine rein symbolische Aktion, die großen strategischen Schaden anrichten wird. Wenn, dann hätte die Europäische Union
den Kauf von Öl, Gas und anderen Rohstoffen aus Russland direkt, unmittelbar und vollständig abbrechen müssen. Das hätte Russland heftig getroffen – aber
dann hätten wir auch mit den Konsequenzen leben müssen.

Welche weiteren wirtschaftlichen Folgen könnte der russische Ausschluss aus dem SWIFT-System haben?

Fischer: Viele Nationen werden sich deutlich intensiver damit beschäftigen, wie sie ihr Geld unabhängig von westlichen Währungen diversifizieren können. In anderen
Worten: Wir sehen ein Ende der Finanzglobalisierung und werden eine Blockbildung mit der USA auf der einen und China auf der anderen Seite sehen.
Das Signal ist eindeutig: Die Deglobalisierung schreitet voran und wird zum zentralen Thema der kommenden Dekade werden.
Volker Schilling: Aber das scharfe Schwert SWIFT-System scheint zumindest aktuell zu funktionieren, denn in der russischen Wirtschaft findet ein Ausverkauf
statt und der Druck auf die russische Wirtschaft wächst weiter. Weltweit gesehen gibt es jedoch ein weiteres Szenario, das großen Einfluss auf die globalen Märkte
haben könnte…

… die Stagflation?

Schilling: Richtig. Die Inflation ist hoch und wird es auch bleiben. Zudem wird sich das Wachstum durch die Deglobalisierung verringern. Insofern ist die Stagflation
ein greifbares Szenario.

Fischer: Ehrlicherweise gibt es in den westlichen Ländern schon seit Jahren kein richtiges Wachstum mehr. Und auch trotz der Digitalisierung sehen wir in den
westlichen Ländern kein Produktivitätswachstum. Insofern müssen wir die Inflation sehr ernst nehmen; und zwar als Investoren und auch als politisches Risiko.

Wie müssen sich Investoren in diesem Umfeld bestehend aus hoher Inflation, wenig Wachstum und einem Krieg in der Ukraine aufstellen?

Fischer: Zuallererst müssen wir anerkennen, dass unser heutiges Finanzsystem ein Kind der Globalisierung aus dem Niedergang der alten Ost-West-Blöcke der
80er Jahre ist. Die Überhitzung dieses Systems führte zur Finanzkrise 2008. Der große politische Shift durch das Aufkaufen von Staatsanleihen durch die
Zentralbanken zur Rettung dieses Finanzsystems, der Bondmärkte und schlussendlich der Staatsschulden der westlichen Welt, hat eine notwendige
Anpassung künstlich verlängert. Die neue Sektoralisierung der Welt in Blöcke, wird die Wertschöpfungsketten neu aufstellen und tiefgreifende Folgen haben. Der
Umbau der westlichen Welt, vor allem in Europa, in eine klimaneutrale und unabhängige Energieversorgung ist von einer noch nie dagewesenen Tragweite.
Wir sprechen nicht weniger als von einem Paradigmenwechsel in der Außen- und Sicherheitspolitik, der Energiepolitik und einer Deglobalisierung. Wir alle
unterschätzen das Ausmaß dieses Paradigmenwechsel, in dem wir leben. Vor allem die Finanzmärkte unterschätzen die massiven Auswirkungen auf die Märkte.
Bei null Zinsen und hoher Inflation bleiben eigentlich nur die Börse und generell Sachwerte. Aber wir müssen uns auch klar machen, dass die Erträge der
vergangenen zehn Jahre nicht mehr erreicht werden. Wir prognostizieren keinen Crash, sondern viele kleinere Verwerfungen, die die Märkte beschäftigen werden.
In den kommenden zehn Jahren geht es deshalb nicht darum, das Kapital zu vermehren, sondern darum, das Kapital zu erhalten.